Eine gesunde Entwicklung der Gelenke ist für jeden Hund maßgeblich für seine Lebensqualität und Bewegungsfreude. Da leider auch Retriever, wie alle großwüchsigen Hunderassen, von Hüftgelenksdysplasie (HD) und Ellenbogendysplasie (ED) betroffen sein können, ist dem DRC die Bekämpfung dieser Fehlentwicklung der Gelenke ein besonderes Anliegen.
Aus diesem Grund sind für alle vom DRC betreuten Retrieverrassen in deren jeweiliger Zuchtordnung Selektionskriterien enthalten, die dazu dienen, das Risiko für die Entstehung einer HD oder ED zu minimieren und Hunde von der Verwendung zur Zucht auszuschließen, die potentiell eine genetische Disposition mitbringen.
Seitdem der DRC e.V. als Zuchtverein besteht, werden Daten über den Grad der Ausprägung von HD und ED für alle im DRC gezüchteten und alle im DRC zur Zucht verwendeten Hunde gesammelt und ausgewertet. Die Ergebnisse dieser Auswertungen fließen in die Zuchtplanung mit ein. Dadurch und durch immer fundiertere wissenschaftliche Erkenntnisse zur Entstehung dieser Gelenksfehlbildung, sowie durch eine fortschreitende Sensibilisierung der Hundehalter konnte die Zahl der betroffenen Hunde über die Jahrzehnte deutlich reduziert werden.
Auch für die Zukunft ist jedoch eine gute Datenlage für die Beobachtung der weiteren Entwicklung auf diesem Gebiet zur Gesunderhaltung unserer Retriever wichtig. Deshalb möchte der DRC möglichst viele Retrieverbesitzer motivieren, ihren Hund nach Vollendung des ersten Lebensjahres auf HD und ED röntgen zu lassen und die Röntgenbilder zur Weiterleitung an den Gutachter an die DRC-Geschäftsstelle einzusenden.
Auf dieser Seite erfahren Sie mehr über die Themen HD und ED und darüber, dass auch der Hundebesitzer durch eine vernünftige Ernährung und ein moderates Maß an Bewegung im Welpen- und Junghundealter Einfluss auf die gesunde Entwicklung der Gelenke seines Hundes nehmen kann.
Die Fehlentwicklung des Hüftgelenks, die sich darin äußert, dass die Gelenkspfanne und der Oberschenkelkopf nicht harmonisch aufeinander abgestimmt sind, was im Laufe des Hundelebens zu verstärkter Abnutzung und Arthrosebildung führen kann, wird als Hüftgelenksdysplasie (HD) bezeichnet.
Die Symptome einer HD entstehen meist innerhalb des ersten Lebensjahres, wobei häufig beide Hüftgelenke betroffen sind. Neben der Ernährung und einem ausgewogenen Maß an Bewegung hat auch die genetische Disposition des Hundes einen Einfluss auf die Entwicklung der Hüftgelenke. Welche Gene hier beteiligt sind, ist noch nicht abschließend geklärt. Es ist aber nachgewiesen, dass durch eine zu üppige und zu gehaltvolle Fütterung, die zu schnellem Wachstum und damit zu einer schnellen Gewichtszunahme des Hundes führt, eine Fehlentwicklung der Hüftgelenke gefördert wird. Ebenso ist bei der Ernährung des Junghundes ein zu hoher Kalziumgehalt kontraproduktiv. Die Verwendung von modernen Fertigfutterprodukten macht eine zusätzliche Gabe von Kalziumpräparaten überflüssig, da hier ausreichend Kalzium in einem ausgewogenen Verhältnis zu Phosphor enthalten ist.
Ein moderates Maß an Bewegung ist für den Welpen und den jungen Retriever ebenso wichtig, wie eine ausgewogene nicht zu kalorienreiche Ernährung. Eine körperliche Überbeanspruchung durch lange und zu häufige Spaziergänge und übertrieben häufiges und zu körperbeanspruchendes Toben mit andren Hunden sollte im Interesse einer gesunden Entwicklung der noch unreifen Knochen und Gelenke vermieden werden.
Ob bei einem Welpen die Veranlagung zur Entstehung einer Hüftgelenksdysplasie vorliegt oder nicht, kann man von außen nicht erkennen. Die oben beschriebenen Maßnahmen in Bezug auf Ernährung und Bewegung dienen zur Prävention der Ausbildung einer HD und sollten deshalb vom Besitzer des Hundes in dessen erstem Lebensjahr in jedem Fall ergriffen werden. Sie senken nachgewiesenermaßen das Risiko für die Ausprägung dieser Fehlentwicklung des Hüftgelenkes.
Ob Ihr Hund von HD betroffen ist, kann nur durch eine Röntgenuntersuchung festgestellt werden. Dazu wird vom Tierarzt unter Vollnarkose ein Röntgenbild der Hüften in einer vorgeschriebenen Position angefertigt. Ein dafür vom DRC benannter Gutachter beurteilt dann anhand des Röntgenbildes, ob der Hund ein gut entwickeltes Hüftgelenk hat. Das Ergebnis dieser Untersuchung ist für jeden Retrieverbesitzer wichtig. Nur anhand des HD-Befundes können Sie einschätzen, wie belastbar ihr Hund im Alltag in Bezug auf Bewegung allgemein ist und ob und in welcher Intensität er später z.B. als Jagdhelfer oder in anderen Bereichen, wie der Dummyarbeit oder dem Hundesport eingesetzt werden kann.
Die HD-Ergebnisse möglichst vieler Retriever sind für den DRC als Zuchtverein von großem Interesse, weil nur über diese Ergebnisse ermittelt werden kann, ob die angewandten züchterischen Maßnahmen des Vereins erfolgreich sind. Um möglichst viele Retrieverbesitzer zu motivieren, HD-Röntgenaufnahmen zur Auswertung über die DRC-Geschäftsstelle an den vom DRC bestellten Gutachter einzureichen, ist die Auswertung der Röntgenaufnahmen für die Besitzer von im DRC gezüchteten Hunden kostenlos, auch wenn diese keine DRC-Mitglieder sind und mit ihrem Hund nicht züchten wollen.
Der DRC als Zuchtverein hat strenge Selektionskriterien für Retriever festgelegt, die zur Zucht eingesetzt werden sollen, um das Risiko für die Entstehung einer Hüftgelenksdysplasie zu minimieren und die Zahl der betroffenen Hunde zu senken.
Für jeden Retriever, der im DRC zur Zucht eingesetzt werden soll, muss deshalb ein HD-Gutachten von einem anerkannten Gutachter vorgelegt werden.
Die Erstellung des Gutachtens erfolgt anhand einer Röntgenaufnahme der Hüftgelenke in einer definierten Position, die unter Vollnarkose von einem Tierarzt angefertigt wird. Da die Entwicklung der Knochen und Gelenke abgeschlossen sein muss, muss der Hund zum Zeitpunkt der Erstellung der Röntgenaufnahme das 1. Lebensjahr vollendet haben. Röntgenaufnahmen, die vor dem 1. Geburtstag des Hundes angefertigt werden, werden zur Begutachtung nicht akzeptiert.
Die Einstufung des Befundes durch den Gutachter erfolgt in fünf Graden nach einer von der Fédération Cynologique Internationale (F.C.I.) festgelegten international anerkannten Bewertungsskala.
HD-Grad (F.C.I.)
Nur Hunde mit dem HD-Befund A oder B werden in Bezug auf HD uneingeschränkt zur Zucht zugelassen. Hunde mit dem Befund C können eine Zuchtzulassung mit einer Auflage erhalten, nach der sie nur mit Partnern verpaart werden dürfen, die selbst einen HD-Befund mit der Einstufung A oder B haben.
Für Hunde mit dem Befund D oder E ist die Verwendung zur Zucht ausgeschlossen, diese Hunde erhalten im DRC keine Zuchtzulassung.
Die Zuchtauslese in Bezug auf HD wird im DRC schon seit den 1980er Jahren angewendet. Die Zahl der von HD betroffenen, im DRC gezüchteten Hunde ist in diesem Zeitraum erheblich zurückgegangen.
Die folgende Gegenüberstellung gibt Aufschluss über die Veränderung der HD-Befunde. Verglichen wird der prozentuale Anteil der jeweiligen Einstufungen für die im DRC gezüchteten und ausgewerteten Hunde in den Jahren 1990, 2000 und 2020:
1990
2000
2020
Unter dem Begriff Ellenbogendysplasie (ED) werden verschiedene mögliche Veränderungen des Ellenbogengelenks zusammengefasst, die während des Wachstums entstehen und die, wie unter dem Kapitel HD beschrieben, durch zu viel Bewegung des Welpen und Junghundes und eine zu üppige Fütterung und der damit verbundenen zu schnellen Gewichtszunahme begünstigt werden.
Da als Ursache der Fehlentwicklung des Ellenbogengelenks neben falscher Ernährung und einem zu hohen Maß an Bewegung auch eine genetische Disposition nicht ausgeschlossen werden kann, sind in den Zuchtordnungen der vom DRC betreuten Retrieverrassen ebenfalls Regelungen darüber enthalten, welche ED-Befunde vorliegen müssen, damit ein Hund zur Zucht verwendet werden darf.
Auch für die Ellenbogen gilt das unter dem Kapitel HD Gesagte: Damit Sie als Besitzer einschätzen können, wie belastbar Ihr Hund ist, sollten Sie die Ellenbogen Ihres Retrievers röntgen lassen und die Röntgenaufnahmen zur Auswertung über die DRC-Geschäftsstelle dem DRC-Gutachter zur Auswertung vorlegen, auch wenn Sie selbst nicht mit Ihrem Hund züchten wollen.
Auch für die Erstellung des ED-Gutachtens können die Röntgenaufnahmen nur an den Gutachter weitergeleitet werden, wenn der Hund zum Zeitpunkt der Erstellung der Röntgenaufnahmen mindestens 1 Jahr alt war. Für im DRC gezüchtete Hunde werden die Gutachterkosten ebenfalls vom DRC übernommen, da der DRC auch hier an einer möglichst großen Zahl untersuchter und befundeter Nachzuchthunde besonders interessiert ist.
Die Einstufung erfolgt auch bei der ED in fünf Schweregraden:
Während die meisten interessierten oder zukünftigen Retrieverbesitzer schon einmal etwas von Hüftgelenksdysplasie gehört haben, sind sie mit dem Begriff Ellenbogendysplasie oft nicht so vertraut. Häufig ist ihnen nicht bewusst, dass der Hundehalter einen nicht unerheblichen Einfluss darauf hat (Fütterung und Bewegung des Welpen und Junghundes), ob sich bei seinem Hund eine ED entwickelt. Zunehmende Aufklärung der Besitzer durch die Züchter und die Medien und die auf eine ggf. vorhandene genetische Disposition abzielende Selektion der zur Zucht verwendeten Hunde durch den DRC als Zuchtverein seit den 90er Jahren haben jedoch in den vergangenen Jahren zu einer Veränderung in Bezug auf die Zahl der betroffenen Hunde geführt.
Die folgende Gegenüberstellung gibt Aufschluss über die Veränderung der ED-Befunde. Verglichen wird der prozentuale Anteil der jeweiligen Einstufungen für die im DRC gezüchteten und ausgewerteten Hunde in den Jahren 1990, 2000 und 2020:
1990
2000
2020
Um die Grundlagen zum Thema Ellenbogendysplasie und die Auswertungskriterien für die Erstellung von ED-Befunden etwas ausführlicher darzustellen, haben wir für Sie im Folgenden zwei entsprechende Artikel eingestellt.
Ellbogengelenksdysplasie beim Hund
(Unter besonderer Berücksichtigung der Osteochondrosis dissecans im Bereich der Trochlea humeri sowie des fragmentierten Processus coronoideus medialis ulnae.)
Während der 70er und 80er Jahre traten in zunehmender Häufigkeit Lahmheiten an den Vordergliedmaßen bei jungen Hunden großwüchsiger Rassen auf, die schon im jugendlichen Alter zur Entstehung degenerativer, arthrotischer Veränderungen an den betroffenen Gelenken führen. Hierbei war eine ständig wachsende Anzahl an Ellbogengelenkserkrankungen festzustellen, deren Differenzierung zunehmend exakter wurde. Anfang der sechziger Jahre war nur der sogenannte Isolierte Processus Anconeus (IPA), vorwiegend bei DSH auftretend, bekannt, andere Ellbogenerkrankungen, die mit Arthrosen einhergingen wurden als idiopatische Gelenkarthrose bezeichnet (und so nur konservativ behandelt). Zu Beginn der siebziger Jahre wurden erstmals der (damals so bezeichnete) Isolierte Processus Coronoideus medialis (IPC) und die Osteochondrosis Dissecans (OCD) am Ellbogengelenk junger, lahmender Hunde beschrieben. Nachdem man herausgefunden hatte, dass der Processus coronoideus medialis ulnae keinen eigenen Verknöcherungskern aufweist, wurde der ICP in "Fragmentierten Processus Coronoideus" (FCP) umbenannt.
Das Ellbogengelenk, ein sogenanntes Scharniergelenk, besteht aus drei verschiedenen Knochenanteilen. Die proximale Gelenkfläche wird von der Gelenkwalze des Oberarms gebildet. Diese wird vom oberen Anteil der Elle umfasst, die eine halbmondförmige Aussparung aufweist, wobei sie im oberen Teil den Processus anconeus als zapfenförmigen Fortsatz aufweist und nach unten in einem außen gelegenen kleineren Processus coronoideus lateralis und innen in einem größeren Processus coronoideus medialis (innerer und äußerer Kronfortsatz) ausläuft. Diese beiden unteren Fortsätze umgreifen wiederum den Radiuskopf, dessen Gelenkfläche ca. 80% des Körpergewichtes trägt (die beiden Processus coronoidei zusammen übernehmen ca. 20 %).
Sowohl FCP als auch OCD treten häufig bei Hunden im Alter von vier bis fünf Monaten (seltener bei älteren Tieren) während der Hauptwachstumsphase auf. Verschiedene Rassen, z. B. Rottweiler, Golden Retriever, Labrador-Retriever, Berner Sennenhunde, Bernhardiner, Chow-Chow, aber auch Mischlinge, die mit einer dieser Rassen verwandt sind, sind gehäuft betroffen. Die Tiere sind häufig im Vergleich zu Altersgenossen relativ schwer. Männliche Tiere, die in der Regel schneller wachsen, sind öfter betroffen als weibliche Hunde. Häufig handelt es sich um besonders bewegungsfreudige Tiere, die auch früh beansprucht werden (lange Spaziergänge, Spielen mit älteren Hunden) und zusätzlich zum bereits reichhaltigen Welpenfutter noch Mineralstoffzusätze erhalten, womit wiederum die Wachstumsgeschwindigkeit beschleunigt wird.
OCD
Die Osteochondrosis dissecans im Bereich des innen gelegenen Abschnittes der Gelenkwalze des Oberarms stellt eine Störung der enchondralen Ossifikation dar. Das Wachstum der Röhrenknochen erfolgt, sowohl im Bereich der Gelenkflächen als auch an den Wachstumsfugen, zunächst in Form von Knorpelzellen, die dann später verkalken und in Knochenzellen umgewandelt werden. Die Knorpelzellen im Bereich der Gelenkflächen werden durch Diffusion der Nährstoffe aus der Gelenkflüssigkeit ernährt. Wird die Knorpelschicht infolge einer zu hohen Wachstumsgeschwindigkeit (zu langsame Verknöcherung) zu dick, führt dies zum Absterben von Knorpelzellen an der Grenze zum Knochen. Zusätzliche mechanische Beanspruchung stellt einen weiteren Faktor dar, so dass Risse und Fissuren im Gelenkknorpel entstehen und sich teilweise ganze Schuppen ablösen. Als Folge gelangt Gelenkflüssigkeit in Kontakt mit dem unter dem Knorpel gelegenen Knochen und den abgestorbenen Knorpelzellen. Eine Entzündungsreaktion wird hervorgerufen, die eine vermehrte Gelenkfüllung, Dehnung der Kapsel, Schmerz und damit Lahmheit bewirkt. Abgelöste Knorpelschuppen verbleiben in der Regel an ihrem Platz, können aber auch als freie Gelenkkörper im Gelenk gefunden werden.
(Fragmentierter Processus Coronoideus medialis)
Der Processus coronoideus medialis verknöchert bei Hunden großwüchsiger Rassen erst im Alter von vier bis fünf Monaten. Bis zu diesem Zeitpunkt ist er sehr empfindlich gegenüber jeglicher Überbelastung. Kommt es zu einer Stufenbildung im Ellbogengelenke durch unterschiedliches Längenwachstum von Elle (Ulna) und Speiche (Radius), kann es, bei einer längeren Elle, zur Überbelastung des Processus coronoideus medialis kommen, so dass dieser partiell von der Elle abbricht. Auch wenn die Aussparung in der Elle, die den Oberarm umfasst, zu "eng" ist, kommt es durch eine Gewichtsverlagerung der Gelenkwalze nach vorn zur Stressfraktur des Fortsatzes. Im Falle einer Fraktur (Bruch) dringt Gelenkflüssigkeit in den Bruchspalt ein, wodurch wieder ein Entzündungsprozess in Gang gesetzt wird. Zusätzlich zur klinisch sichtbaren Lahmheit führen beide Erkrankungen zur Entstehung sekundärer Arthrosen, welche die Nutzbarkeit des Hundes in seinem weiteren Leben erheblich beeinträchtigen können. FCP und OCD treten bei vielen Hunden an beiden Vordergliedmaßen auf. Somit bedarf es oft eines zusätzlichen Traumas (mechanischer Einwirkung) an einem der beiden Vordergliedmaßen, bis der Hundehalter an dem stärker schmerzhaften Bein eine Lahmheit erkennen kann. Zu diesem Zeitpunkt haben die Hunde oft schon ein Alter von 10 bis 14 Monaten erreicht, und die Arthrosen sind entsprechend weit fortgeschritten. Untersuchungen in Schweden, Norwegen und England haben ergeben, dass bei beiden Erkrankungen eine genetische Disposition vorliegt. Durch eine Anpaarung von Hunden ohne FCP und/oder OCD bzw. ohne Arthrose konnte die Häufigkeit der Erkrankung deutlich herabgesetzt werden (ähnlich wie bei der Hüftgelenksdysplasie).
Die erkrankten Hunde zeigen häufig eine Auswärtsstellung der Vorderpfoten, die Ellbogengelenke werden eng am Körper gehalten. Tritt eine Lahmheit auf, ist diese anfangs intermittierend, stärker nach Ruhe und/oder Belastung und verstärkt sich im weiteren Krankheitsverlauf oft bis zur hochgradigen Lahmheit. Bei längerer Krankheitsdauer kann sich eine Muskelatrophie der Oberarmmuskulatur entwickeln. Die Gelenke sind vermehrt gefüllt und schmerzhaft bei Manipulation (passiver Bewegung und Druck). Bestehen schon erhebliche Arthrosen, können Reibegeräusche hörbar sein und Bewegungseinschränkungen des Gelenkes vorhanden sein.
Radiologie
Eine wichtige Rolle bei der Diagnostik und Differenzierung der verschiedenen Ellbogengelenkerkrankungen kommt der radiologischen Untersuchung zu. Dazu ist eine hohe Aufnahmequalität von großer Wichtigkeit, da besonders im Anfangsstadium der Erkrankung die Röntgenveränderungen sehr diskret sein können und eine genaue Betrachtung der Aufnahmen erforderlich ist. Es sollten immer, auch bei einseitiger Lahmheit, beide Ellbogengelenke geröntgt werden. Zur exakten radiologischen Darstellung des Ellbogengelenkes existiert eine große Anzahl von unterschiedlichen Röntgenprojektionen, bei denen jeweils unterschiedliche Gelenkabschnitte besonders hervorgehoben werden. Eine weitere Möglichkeit bietet die Anfertigung von Schichtaufnahmen. Während man die Osteochondrosis dissecans in der Regel direkt durch Röntgenaufnahmen nachweisen kann, ist dies bei Brüchen im Bereich des Kronfortsatzes nur selten möglich. Zum radiologischen Nachweis eines FCP ist man meistens auf die Interpretation sekundärer Veränderungen angewiesen. Das Ziel ist es, die Erkrankung vor dem Auftreten massiver Arthrosen zu diagnostizieren.
Währen OCD-Defekte ohne Schuppenbildung oder freie Gelenkmäuse bei strikter Ruhe und Futterumstellung ausheilen können, besteht bei größeren Läsionen oder dem Vorliegen von Knorpelschuppen nur die Möglichkeit der operativen Entfernung der Dissekate und des Auskratzen des Dissekatbettes. Auch beim FCP sollte die operative Therapie mit Exstirpation des abgebrochenen Knorpel-Knochenstückes möglichst frühzeitig vorgenommen werden.
Ziel der Untersuchung ist es, im Zusammenhang mit den klinischen Befunden, möglichst frühzeitig geringste Röntgenveränderungen zu diagnostizieren und sie gegenüber weiteren, differentialdiagnostisch in Frage kommenden Erkrankungen wie andere erblich bedingte Erkrankungen, angeborene und traumatisch bedingte Veränderungen abzugrenzen. Es soll erreicht werden, die Diagnose der geschilderten Erkrankungen, besonders bei den prädisponierten Rassen, so frühzeitig wie möglich zu stellen, um vor dem Auftreten starker arthrotischer Veränderungen eine Behandlung einzuleiten. In der Folge sollen Langzeitergebnisse konservativ und operativ behandelter Hunde erhoben werden, da hierüber noch keine aussagefähigen Untersuchungsergebnisse vorliegen bzw. schlechte Ergebnisse eventuell auf das operative Vorgehen und/oder die schon deutlichen Veränderungen vor der Operation zurückzuführen sind.
Für IPA, FCP und OCD sind genetische Dispositionen (ähnlich wie bei der Hüftgelenksdysplasie) nachgewiesen. Die Manifestation der Erkrankung oder ihr Schweregrad können durch eine Verbesserung der Haltungsbedingungen beeinflusst werden. Dazu gehören vor allem Fütterung und Bewegung. Wenn die Hunde älter als drei Monate sind, dürfen sie nicht "überfüttert" werden (zu hoher Gesamtenergiegehalt; Rohprotein sollte 22 bis 25% betragen), und das Zufüttern von Mineralstoff- und/oder Vitaminpräparaten sollte, außer bei nachgewiesenen Mangelzuständen, unterbleiben. Die "kontrollierte" Fütterung wird die Endgröße der Tiere nicht beeinflussen sondern zu einer langsameren, gleichmäßigeren Wachstumsgeschwindigkeit führen und damit das Risiko für die Manifestation von "Wachstumserkrankungen", die im Alter von drei bis sieben Monaten auftreten, herabsetzen. Für die frühzeitige Diagnose ist es wichtig, lahmende junge Hunde prädisponierter Rassen einer genauen Untersuchung zu unterziehen (klinisch und radiologisch). Sind bei Hunden im Alter von vier bis fünf Monaten noch keine Röntgenveränderungen im Ellbogengelenk zu finden, müssen vier bis sechs Wochen später unbedingt Kontrolluntersuchungen durchgeführt werden!!! Da nachgewiesen ist, dass FCP/OCD erbliche Erkankungen sind, besteht das Ziel darin, ihr Auftreten durch Selektion in der Zucht zu verhindern. 1989 wurde die IEWG (International Elbow Working Group) gegründet, der spezialisierte Tierärzte verschiedener Länder, aber auch andere Mitglieder angehören. Ihr Ziel ist es, die erblichen Ellbogengelenkerkrankungen nach einem international einheitlichen Screening zu erfassen, ihre Häufigkeit zu ermitteln und die erhobenen Daten statistisch auszuwerten. Zur Diagnose von OCD/FCP <s>viele</s> werden verschiedene Röntgenprojektionen gefordert. Mit diesen Aufnahmen, die im Alter von mindestens einem Jahr angefertigt werden sollen, werden die sekundär entstehenden arthrotischen Veränderungen in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sollten allen Interessierten (z. B. Tierärzte, Züchter, Genetiker) zur Verfügung stehen, so dass Informationen über den Status der Ellbogengelenke einer Hündin/eines Rüden vor der Belegung verfügbar sind. In skandinavischen Ländern, wo solche Zuchtprogramme schon seit vielen Jahren durchgeführt werden, werden Hunde mit Arthrosen am Ellbogengelenk nicht automatisch von der Zucht ausgeschlossen, aber die Züchter nutzen die Möglichkeit, mit den zur Verfügung stehenden Daten, nicht betroffene Hunde in der Zucht zu bevorzugen. Bereits dadurch konnte die Inzidenz von FCP und OCD deutlich herabgesetzt werden.
Dieser Text wurde freundlicherweise von Frau Dr. Sigrid Schleich zur Verfügung gestellt.
Anschrift:
Tierärztliche Praxis
Fachtierärztin für Chirurgie
Weststrasse 49
D-59174 Kamen
Tel.: 02307-235515
© Dr. Sigrid Schleich, 1998
Sehr geehrte Züchter und Züchterinnen im Deutschen Retriever Club e.V.,
hiermit möchte ich Ihnen ein paar Hinweise zur Auswertung von Röntgenbildern zur Ellbogengelenksdysplasie (ED) geben.
Auswertung von ED-Röntgenaufnahmen
Die Auswertung der ED erfolgt durch die Gutachter der GRSK nach den Vorgaben der „International elbow working group“ (I.E.W.G., 2015).
Als Gutachter für HD und ED sind im DRC e.V. folgende Gutachter der GRSK tätig:
Dr. Bernd Tellhelm für Labrador-Retriever, für Flat-Coated Retriever, für Chesapeake-Bay-Retriever, für Curly-Coated Retriever und für Nova-Scotia-Duck-Tolling-Retriever.
Dr. Heinrich Camp für Golden Retriever.
Für den DRC e.V. werden die Aufnahmen ebenfalls in Anlehnung an die Regeln der I.E.W.G. wie folgt ausgewertet:
ED-Grad 0: ED-frei
ED-Grenzfall: Übergangsform
ED-Grad 1: leichte ED
ED-Grad 2: mittlere ED
ED-Grad 3: schwere ED
Bisher wurden vom DRC zwei Röntgenaufnahmen der Ellbogengelenke gefordert: eine seitliche Position (ML) in gebeugter Haltung (ca. 40° - 70°) und eine Aufnahme auf der Brust liegend mit nach vorn gestreckten Beinen (AP auf der Rückseite des Bogens genannt, eigentlich CC) mit 15° Pronation.
Probleme bei der Auswertung der Ellbogenaufnahmen:
Eine Besonderheit meiner Beurteilung ist offenbar insbesondere der Grenzfall. Da bei der bislang vom DRC geforderten Lagerung nahezu nur das Dach des Proc. ancoaneus auf Arthrosen hin beurteilt werden kann, lege ich besonderen Wert auf die Beurteilung von Zubildungen auf dem Dach des Proc. anconaeus. Sind diese Zubildungen für mich als eindeutige Arthrosen zu identifizieren, bewerte ich das Gelenk, bei denen sie bis zu 2mm vorliegen als „ED-Grad 1“. Sind sie nicht als eindeutige osteophytäre Zubildungen zu
erkennen, sondern es könnte sich im Rahmen der Lagerungen auch zu einer Verkippung des Gelenkes mit Überlagerung des Daches des Proc. anconaeus z.B. durch Überprojektion der Konturen (Kanten) gekommen sein oder sind dezente, nicht eindeutige Hinweise auf ED vorhanden, stufe ich diese Gelenke als „Grenzfall“ ein. Ich kann in diesen ersteren Fällen nicht ganz sicher sagen, ob die vorliegenden Veränderungen tatsächlich Zubildungen sind, aber ich kann es auch nicht sicher ausschließen. Andere Merkmale (siehe oben) für eine ED lassen sich anhand dieser gebeugten Aufnahme nicht wirklich gut bewerten.
Natürlich ist die Beurteilung auch von der Qualität der Aufnahmen abhängig. Also spielt nicht nur die Lagerung eine Rolle, sondern auch die Belichtung bei konventionellen Bildern
/Ausleseparameter bei digitalen Aufnahmen sind nicht immer perfekt.
Da diese Form der ED, nämlich der fragmentierte Processus coronoideus medialis der Ulna (FPC), röntgenologisch selbst nicht oder nur extrem selten direkt auf dem Röntgenbild erkannt werden kann, kann nur eine Verdachtsdiagnose anhand der Sekundärveränderungen (Arthrosen, Sklerose, Stufenbildung, vordere Kontur und Dichte des Proc. coronoideus medialis) erfolgen. Arthrosen lassen sich am besten auf dem Dach des Proc. coronoideus nachweisen und auch messen, weshalb damals beim DRC wohl auch die gebeugte Aufnahme eingeführt wurde. Jedoch kann es hier in einigen Fällen zu der Beurteilung „Grenzfall“ kommen (siehe oben), weshalb ich vorschlagen würde, noch eine zweite Aufnahme vom Ellbogengelenk im ML-Lagerung anzufertigen und zwar mit gestrecktem Gelenk (120-130°). Auf diesen Aufnahmen könnten dann auch die anderen Lokalisationen (siehe oben) besser beurteilt werden.
Die Aufnahme in der anderen Lagerung (als AP auf der Rückseite des Befundbogens genannt, eigentlich eine CC) kann jedoch nicht entfallen, denn bei den Retrievern spielt auch die Osteochodrosis dissecans (OCD) eine gewisse Rolle, die auf diesen Aufnahmen besser erkannt werden können.
Ich habe Ihnen zum besseren Verständnis in der Abbildung 1 ein paar Zeichnungen (Quelle: IEWG) aufgeführt.
Abbildung 1: Zeichnungen vom Ellbogen (Quelle: IEWG) zum Verständnis der Strukturen bei (1) gestrecktem Gelenk, gebeugtem (2a) Gelenk und (2b) in Brustlage liegend mit
vorgestreckter Vordergliedmaße.
Legende: a: Dach des Proc. anconaeus, b: vorderer Rand des Radius (Speiche), c: vordere Kontur des medialen Proc. coronoideus (innerer Kronfortsatz), d: kaudaler Rand des lateralen Epikondylus, e: lateraler Proc. coronoideus (äußerer Kronfortsatz), f: unterer, medialer Rand des distalen Humerus (Rollkamm des unteren, medialen Oberarmknochens), g: Bereich des medialen Randes des Proc. coronoideus medialis.
Eine andere Möglichkeit wäre, statt der stark gebeugten Aufnahme eine Aufnahme mit einem Gelenkwinkel von 90° anzufertigen. Bei dieser Aufnahme kann z.B. eine Stufe (Inkongruenz) zwischen Elle und Speiche besser als bei der gebeugten beurteilt werden, jedoch kann durch Überlagerung das Dach des Proc. anconaeus (und damit osteoarthrotische Veränderungen) nicht so gut beurteilt werden. Bei dieser Lagerung steht der Schwachpunkt der Verkippung auch nicht mehr so stark im Fokus, jedoch sind auch bei dieser Lagerung Lagerungsfehler möglich, und es kann zu zweifelhaften Befunden kommen. Diese Aufnahme wäre ein Kompromiss zwischen der gebeugten und der gestreckten Lagerung.
Da die Diagnose der ED und insbesondere die direkte Erkennung des FPCs oft problematisch ist, kann es gerade wenn nur diese eine Aufnahmen begutachtet wird, auch mal passieren, dass der eine oder andere Ellbogen mit „ED 0“ bewertet wird, obwohl eine ED bzw. ein FPC vorliegt. Diese Erkrankung ist mit einem hohen Leidensdruck für den jeweiligen Hund und den Besitzer belastet. Daher würde ich aus Interesse an der Rasse und der Zucht anregen, dass eine retrospektive Untersuchung durchgeführt wird, die alle in den letzten 5 bis 6 Jahren (z.B. 2010-2015) untersuchten Hunde mit ED-0, ED-Grenzfall (und ggf. auch ED-1) per Fragebogen nachkontrolliert.
Es wäre sehr interessant zu wissen, ob bei diesen Hunde jemals eine Lahmheit aufgetreten ist oder ob einer dieser Hunde vielleicht sogar an einem FPC später operiert wurde. Ggf. könnten später angefertigte Röntgenbilder von den untersuchenden Tierärzten angefordert und noch mal angesehen werden. Dies könnte Aufschluss darüber bringen, wie sensitiv die vergangene Auswertung auf ED anhand der bisher angewendeten Röntgenlagerung war (insbes. die mediolateral gebeugte Aufnahme) . Es würde möglicherweise Aufschluss darüber bringen, ob und in welchen Fällen ein höherwertiges, aber auch recht teures Diagnoseverfahren, die Computertomographie, sinnvoll wäre. Damit würde im Nachhinein etwas mehr Sicherheit über das Vorkommen der ED bei den Retrievern des DRC zu erhalten sein, was sicher im Sinne der Zucht wäre.
Unsere Lagerungsempfehlung zum Anfertigen von Röntgenaufnahmen auf Ellenbogendysplasie finden Sie hier (Stand April 2016)
Mit freundlichen Grüßen
Ihre
Prof. Dr. Andrea Meyer-Lindenberg
Hier noch zwei Fachartikel zum Thema:
ED-Einteilung der International Elbow Working Group
Tellhelm u.a.: Zur CT-Auswertung von ED