Der grundlegende Unterschied zwischen Rüde und Hündin ist allgemein bekannt: Während Hündinnen Welpen gebären und aufziehen, sind Rüden für deren Zeugung verantwortlich.
Viele Unterschiede im Verhalten sind auf diesen Umstand zurückzuführen und werden, genau wie die unterschiedliche Ausprägung bestimmter körperlicher Merkmale zu einem erheblichen Prozentsatz durch hormonelle Einflüsse ausgelöst und gesteuert.
Die Grenzen der geschlechtsspezifischen Unterschiede sind dabei aber fließend und die Ausprägung der verschiedenen, für ein Geschlecht „typischen“ Merkmale, sowohl im Verhalten wie auch im Aussehen, ist individuell sehr unterschiedlich.
In der Pubertät entwickelt sich nicht nur die mit der Geschlechtsreife verbundene Fortpflanzungsfähigkeit von Rüde und Hündin, sondern hier nimmt auch die Ausprägung von körperlichen Merkmalen und bestimmten geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen „Fahrt auf“.
Hündinnen kleiner Rassen sind bereits im Alter von sechs Monaten ausgewachsen und werden meist mit einem halben Jahr läufig. Großrassige Hündinnen dagegen erreichen ihr definitives Körpergewicht erst nach Vollendung des ersten Lebensjahrs und kommen entsprechend später in die Pubertät. Die meisten Hündinnen werden alle sechs bis sieben Monate läufig. Es bestehen aber große rassebedingte und individuelle Unterschiede (4 bis 12 Monate). Bei einer bestimmten Hündin ist jedoch normalerweise die Dauer des Läufigkeitsintervalls konstant. Der Läufigkeitszyklus gliedert sich in vier Phasen: Proöstrus (Vorbrunst), Östrus (Brunst),Metöstrus (Nachbrunst) und Anöstrus (Ruhephase).
Proöstrus:
Die Dauer der Vorbrunst beträgt durchschnittlich 9 Tage. Diese Phase ist gekennzeichnet durch das Anschwellen der Vulva und das Austreten von blutigem Scheidenausfluss. Bereits jetzt sind die Hündinnen für Rüden attraktiv, lassen sich aber noch nicht decken.
Östrus:
Auch die Brunst dauert im Durchschnitt 9 Tage. Der Vaginalausfluss wird jetzt klar, eventuell leicht schleimig. Die Hündin ist nun "aufnahmebereit" (etwa zweiter bis vierter Tag des Östrus), lockt unweigerlich jeden Rüden an und würde sich auch decken lassen. Jetzt heißt es für den Hundehalter aufgepasst, sonst gibt es bald viele hungrige Mäuler zu füttern.
Metöstrus:
Die Dauer des Metöstrus liegt durchschnittlich bei 75 Tagen. Während dieser Zyklusphase ist die Progesteronkonzentration ("Schwangerschaftshormon") im Blut erhöht, und zwar unabhängig davon, ob die Hündin gedeckt wurde oder nicht. Aus diesem Grund ist bei der Hündin auch kein "Schwangerschaftstest" möglich, da sie vom Hormonstatus her gesehen grundsätzlich nach jeder Läufigkeit den Vorgang einer Trächtigkeit durchläuft. Kein Wunder, dass sensible Hündinnen durch diese "Täuschung" leicht mit den Symptomen einer sogenannten "Scheinträchtigkeit" (z. B. Nestbautrieb, Ausbildung des Gesäuges und Milchproduktion) reagieren.
Die Vorfahren unserer Hunde lebten in Rudeln zusammen. In einem solchen Rudel gab es eine genaue Rangordnung, wobei jede Position mit entsprechenden Rechten, aber auch Pflichten verbunden war. Nur die Leithündin (Leitwölfin) bekam die Jungen. Doch die Leitwölfin hatte andere Verpflichtungen und konnte sich nicht gleichzeitig um den Nachwuchs kümmern. Diese Aufgabe mussten die rangtieferen Wölfinnen des Rudels übernehmen, wozu auch das Säugen der Welpen gehörte. Voraussetzungen, die durch die Scheinträchtigkeit gegeben waren. So tragen manche Hündinnen einige Wochen nach der letzten Läufigkeit alle möglichen Gegenstände zusammen, zeigen Nestbauverhalten, bewachen und beschützen besonderes Spielzeug, als sei es ein Junges. Doch damit nicht genug: auch die Milchdrüsen schwellen an, und oft tropft sogar Milch aus den Zitzen, die häufig geleckt werden. Bis zu einem gewissen Grad kann dieses Verhalten noch als "normal" bezeichnet werden. Doch manche Hündin steigert sich derart in die "Mutterrolle" hinein, dass daraus eine Last für sie selbst und schließlich auch für Herrchen und Frauchen entsteht. Die beste Hilfe für Ihr Tier ist Ablenkung: beispielsweise häufiges Spazierengehen, Wegräumen von Spielsachen, viel Zuwendung. Meist ist dann nach einigen Tagen das Problem beseitigt.
Wenn die Scheinträchtigkeit mit ausgeprägter Aggressivität, Apathie oder übermäßiger Milchbildung einhergeht, ist eine medikamentöse Behandlung durch den Tierarzt notwendig.
Anöstrus:
In dieser Ruhephase zwischen Metöstrus und Proöstrus fehlen jegliche äußeren Anzeichen des Sexualzyklus. Der Anöstrus dauert je nach individuellem Läufigkeitsintervall etwa fünf bis zehn Monate.
Bis ins Alter von fünf bis sieben Jahren sind die Zyklusintervalle einer Hündin regelmäßig. Bei älteren Tieren verlängert sich häufig die Anöstrusphase, und die Läufigkeit tritt nur noch einmal jährlich ein. Meistens sind die Anzeichen der Läufigkeit auch nicht mehr so deutlich ausgeprägt.
© Dr. Anja Hesse, 1998
Der Artikel erschien am 18.02.1998 in der Gießener Allgemeinen Zeitung. Die Wiedergabe erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des Verlags.
Die "typische" Pyometra ist eine meist 3 bis 8 Wochen nach einer Läufigkeit auftretende Erkrankung des Uterus (Gebärmutter), wenn Muttermund und Zervix (Gebärmutterhals) noch nicht wieder ganz geschlossen sind und daher Keime in den Uterus eindringen können. Das führt dann zu seiner Entzündung. Da sich die Zervix bald nach der Läufigkeit schließt, kann die sich im Uterus ansammelnde, eitrige Flüssigkeit nicht abfließen, was zu einer starken Vergrößerung des Uterus führt. In günstigen Fällen gelangt die Flüssigkeit doch durch Zervix und Scheide nach außen, was dann meist an einem gelben oder (durch die Beimengungen mit Blut) braunen Ausfluss erkennbar ist. Die geschlossene Form der Pyometra ist durch schlechten Allgemeinzustand der Hündin und ihren großen Durst auffällig. Manche Fälle der Pyometra können aber auch atypisch verlaufen. In jedem Fall sind aber Appetitmangel und großer Durst kurz nach der Hitze höchste Alarmzeichen, wegen derer man umgehend den Tierarzt aufsuchen sollte. Leider ist eine medikamentöse Behandlung nur in seltenen Fällen erfolgreich; meist ist eine Operation mit Entfernung von Uterus und Ovarien nötig. Aber auch bei der offenen Form ist in vielen Fällen diese Operation unumgänglich, insbesondere weil die Rezidivrate sehr hoch ist (also die erneute Erkrankung nach der nächsten Läufigkeit).
Daneben gibt es noch eine (seltenere) hormonbedingte Pyometra, die nach einer Hormonbehandlung, aber auch bei hormoneller Fehlregulation auftreten kann.
Professor i .R. für Virologie und molekulare Onkologie
am Universitätsklinikum Gießen
Häufig wird die Kastration der Hündin als vorbeugende Maßnahme gegen Gesäugetumore, Gebärmutterentzündungen (Pyometra) oder Scheinträchtigkeiten empfohlen. Viele Hündinnenbesitzer entscheiden sich auch für diesen operativen Eingriff, bei dem der Hündin mittels eines relativ großen Bauchschnittes die gesamte Gebärmutter inkl. der Eierstöcke entfernt wird, weil Ihnen die regelmäßig auftretende Läufigkeit der Hündin mit den typischen Begleiterscheinungen – wie z. B. dem blutigen Scheidenausfluss oder der großen Attraktivität der Hündin für Rüden in dieser Phase – unangenehm und lästig sind.
Neben der Tatsache, dass Gesäugetumore gemäß entsprechender Studien bei weniger als 2 % der Hündinnen auftreten, ist ebenfalls durch Studien belegt, dass diese aufgrund nicht hormonell bedingter Risikofaktoren auch bei kastrierten Hündinnen auftreten. Scheinträchtigkeiten sind, wie im obigen Artikel „Läufigkeitszyklus und Scheinträchtigkeit“ beschrieben, physiologisch und verlaufen in den meisten Fällen vom Besitzer völlig unbemerkt und symptomlos.
Allein die Verhinderung der ein- bis zweimal jährlich auftretenden Läufigkeit sollte kein Entscheidungskriterium für die Durchführung einer Kastration sein. Es handelt sich dabei um einen recht großen operativen Eingriff mit unumkehrbarer Organentnahme, der einen erheblichen Eingriff in den Hormonhaushalt der Hündin darstellt.
Da Hormone einen erheblichen Einfluss auf den gesamten Körper haben, stellt eine Kastration bei Weitem nicht nur einen Eingriff in die Fortpflanzungsfähigkeit der Hündin dar. Sie wirkt sich auf den gesamten Stoffwechsel, die körperliche und geistige Entwicklung, den Alterungsprozess (nicht nur in Bezug auf Knochen, Muskeln, Gelenke, Bindegewebe usw.), das Verhalten und vieles mehr erheblich aus.
Eine detaillierte Beschreibung der möglichen und z. T. erheblichen Spätfolgen und unerwünschten Nebenwirkungen einer Kastration ist an dieser Stelle nicht möglich.
Umfassende Informationen zu dem Thema stehen in Form von Büchern oder Veröffentlichungen im Internet zur Verfügung.
Vor der Entscheidung über die Durchführung einer Kastration sollte eine gründliche Abwägung zwischen Nutzen und Risiko erfolgen, wenn diese nicht aus medizinischen Gründen zwingend notwendig ist.
Empfehlenswert ist die Lektüre des Buches
Sophie Strodtbeck / Udo Gansloßer
Kastration und Verhalten beim Hund
ISBN: 978-3-275-01820-8
Titel-Nr.: 41820
Einband: gebunden
Seitenzahl: 160
Abbildungen: 1 s/w Bilder & 85 Farbbilder & 12 Zeichnungen
Format: 170mm x 240mm
Erschienen: 06/2021
Landläufig wird der Eintritt der Geschlechtsreife des Rüden damit in Zusammenhang gebracht, dass er beim Absetzen von Urin eines seiner Hinterbeine hebt. Tatsächlich ist das aber kein sicheres Anzeichen für den Beginn seiner Fortpflanzungsfähigkeit und die Phase seiner Pubertät ist damit noch lange nicht abgeschlossen.
Rüden beginnen irgendwann ab der zweiten Hälfte ihres ersten Lebensjahres damit beim Urinieren ein Hinterbein zu heben. Dieses Verhalten wird aber nicht immer von Anfang an dauerhaft gezeigt. Immer wieder wird er dabei auch zu der für Welpen üblichen Körperhaltung zurückkehren. Oft dauert es Wochen, bis der Rüde grundsätzlich immer auf drei Beinen steht, wenn er Urin absetzen will und er tut das dann auch immer öfter nicht mehr nur um seine Blase zu entleeren, sondern auch um Markierungen zu setzen.
Das „Bein-Heben“ ist aber nicht zwingend die Voraussetzung dafür, dass ein Rüde erst ab diesem Zeitpunkt in der Lage ist, Welpen zu zeugen. Es sind durchaus Fälle bekannt, in denen Rüden – oft sehr zur Überraschung ihrer Besitzer – erfolgreich Hündinnen gedeckt haben, die zuvor noch nie das Bein gehoben hatten.
Der tatsächliche Eintritt der Fortpflanzungsfähigkeit ist also allein durch äußere Anzeichen oder das Alter des Rüden nicht festzustellen.
Auch die Pubertät beim Rüden ist ein lange andauernder Prozess, in dem er über einen Zeitraum von Monaten hinweg sein männliches Verhalten entwickelt. In dieser Phase stellen manche Rüden ihre Besitzer vor ganz neue Herausforderungen, weil sie sich auf ganz andere Weise für Hündinnen – besonders in deren Läufigkeit – interessieren, möglicherweise Territorialverhalten zeigen und auch in manchen Fällen anderen Rüden gegenüber bis dahin unbekannte Verhaltensweisen entwickeln.
Da erwachsene Rüden, im Gegensatz zu Hündinnen, das ganze Jahr über sexuell aktiv sind, werden viele Verhaltensweisen des Rüden auf eine übermäßige Testosteronkonzentration zurückgeführt oder mit seinem angeblich stetig im Vordergrund stehenden Fortpflanzungstrieb in Verbindung gebracht.
Viele Rüdenbesitzer entscheiden sich für eine Katration des Rüden, weil er während oder nach der Pubertät Menschen und anderen Hunden gegenüber ein Verhalten zeigt, dass vom Halter des Hundes als unangemessen oder unkontrollierbar empfunden wird. Den entscheidenden Impuls stellt dann oft eine Empfehlung anderer Rüdenbesitzer oder Hundetrainer dar, nach der alle vermeintlichen Probleme durch eine Kastration gelöst werden können.
Die an die Durchführung der Kastration gebundene Hoffnung auf Verhaltensänderung wird aber meist enttäuscht. Nur in den seltensten Fällen sind Verhaltensauffälligkeiten tatsächlich sexuell bedingt und verstärken sich häufig sogar nach der Kastration noch.
Die Notwendigkeit einer Kastration wird häufig auch damit begründet, dass Rüden darunter leiden, wenn sie sich nicht sexuell betätigen können. Studien belegen aber, dass sich z. B. bei verwildert lebenden Straßenhunden im Rudel auch nur höchstens 20 % der Rüden fortpflanzen.
Die Kastration ist die operative, nicht umkehrbare Entfernung der Keimdrüsen (Hoden) unter Vollnarkose. Eine Kastration bewirkt eine vollständige Umstellung des Hormonhaushalts, was insbesondere bei Frühkastrationen häufig zu Problemen führt.
Da Hormone einen erheblichen Einfluss auf den gesamten Körper haben, stellt eine Kastration bei Weitem nicht nur einen Eingriff in die Fortpflanzungsfähigkeit des Rüden dar. Sie wirkt sich auf den gesamten Stoffwechsel, die körperliche und geistige Entwicklung, den Alterungsprozess (nicht nur in Bezug auf Knochen, Muskeln, Gelenke, Bindegewebe usw.), das Verhalten und vieles mehr erheblich aus.
Eine detaillierte Beschreibung der möglichen und z. T. erheblichen Spätfolgen und unerwünschten Nebenwirkungen einer Kastration ist an dieser Stelle nicht möglich.
Umfassende Informationen zu dem Thema stehen in Form von Büchern oder Veröffentlichungen im Internet zur Verfügung.
Vor der Entscheidung über die Durchführung einer Kastration sollte eine gründliche Abwägung zwischen Nutzen und Risiko erfolgen, wenn diese nicht aus medizinischen Gründen zwingend notwendig ist.
Kastration und Verhalten beim Hund
ISBN: 978-3-275-01820-8
Titel-Nr.: 41820
Einband: gebunden
Seitenzahl: 160
Abbildungen: 1 s/w Bilder & 85 Farbbilder & 12 Zeichnungen
Format: 170mm x 240mm
Erschienen: 06/2021